„Verantwortungsbewusstes unternehmerisches Handeln ist kein Zusatz“
Nachhaltige Lieferketten nutzen Allen – nur über die Umsetzung herrschen viele Meinungen. Die Organisation Fairtrade wirbt für einen Ansatz: HREDD. Was steckt dahinter? Ein Gespräch mit Fairtrade Afrika und Fairtrade Deutschland.
Was meinen Sie, bewegt sich die Weltgemeinschaft in Bezug auf den Handel in die richtige Richtung?
Bettina von Reden: In den letzten Jahren gab es starke Initiativen, um den globalen Handel durch Vorschriften wie die geplante EU-Richtlinie zur Sorgfaltspflicht von Unternehmen nachhaltiger zu gestalten. Derzeit beobachten wir jedoch Rückschritte. Dies schafft Unsicherheit für Unternehmen, die bereits in nachhaltige Lieferketten investiert haben.
Diejenigen, die frühzeitig gehandelt haben, um die angekündigten Vorschriften zu erfüllen, sehen sich nun Wettbewerbsnachteilen ausgesetzt, wenn andere nicht mehr verpflichtet sind, die gleichen Standards einzuhalten.
Zachary Kiarie: Aus Sicht der Produzierenden haben die Landwirtinnen und Landwirte große Anstrengungen unternommen, um die Compliance-Fristen einzuhalten, die nun verschoben oder überarbeitet werden. All dies nahm Zeit, Geld und Engagement in Anspruch. Viele Bauern waren auf einem guten Weg. Die entscheidende Frage bleibt: Wer trägt die Kosten, und wo bleibt die Stimme der Produzierenden in diesen Rahmenwerken?
Sind Sie frustriert?
Zachary Kiarie: Ja. Die Produzenten haben auf klare Ziele hingearbeitet, nur um dann zu sehen, wie der Prozess unterbrochen wurde. Diese Unsicherheit erschwert die Planung und schwächt das Vertrauen in langfristige Verpflichtungen.
Was sind die konkreten Probleme, die Sie angegangen haben?
Zachary Kiarie: Geo-Mapping ist ein Beispiel. Die Landwirtinnen und Landwirte haben erheblich in Polygon-Mapping investiert, aber es gibt kein einheitliches System. Verschiedene Regionen verwenden unterschiedliche Tools und Methoden, während von den Produzierenden erwartet wird, dass sie unter den gleichen Bedingungen konkurrieren. Diese mangelnde Abstimmung sorgt für Verwirrung und Ineffizienz.
Sie würden also sagen, dass es dafür ein einziges Tool geben sollte?
Zachary Kiarie: Im Idealfall sollte es harmonisierte Ansätze und interoperable Tools geben. Das würde die Transparenz, Glaubwürdigkeit und Fairness verbessern. Bevor man sich an die spezifischen Anforderungen der Lieferkette anpasst, muss man für gleiche Wettbewerbsbedingungen sorgen.
Wenn Sie sich die Gesetzgebungsverfahren im Globalen Norden ansehen – EUDR, CSRD, CSDDD –, was halten Sie davon?
Zachary Kiarie: Aus Sicht der Produzierenden sind die Ziele positiv:
Sie avisieren, glaubwürdige und nachhaltige Lieferketten zu gewährleisten. Aber die Produzierenden müssen sinnvoll einbezogen werden, und die Verteilung der Kosten muss geklärt werden.
Bettina von Reden: Bei Fairtrade unterstützen wir die Ziele dieser Vorschriften. Die Gesetzgebung kann die Messlatte höher legen und sicherstellen, dass Unternehmen Verantwortung übernehmen. Wichtig ist, dass Unternehmen die Kosten für die Einhaltung der Vorschriften teilen und die Produzierenden unterstützen. Allerdings waren die Prozesse nicht immer ausreichend partizipativ, und eine Neuauflage der Gesetzgebung birgt die Gefahr, dass zentrale Verantwortlichkeiten geschwächt werden.
Bei Fairtrade konzentrieren Sie sich auf einen Sorgfaltspflichtansatz namens HREDD. Was ist das?
Bettina von Reden: HREDD steht für „Human Rights and Environmental Due Diligence” (Sorgfaltspflicht im Bereich Menschenrechte und Umwelt). Er basiert auf den OECD-Leitsätzen und den Leitprinzipien der Vereinten Nationen. Es handelt sich dabei nicht um eine Erfindung von Fairtrade, sondern um einen international anerkannten Rahmen und einen praktischen sowie strukturierten Ansatz für verantwortungsbewusstes unternehmerisches Handeln. Wir unterstützen Unternehmen und Produzierende dabei, zu verstehen, wie sie Menschenrechts- und Umweltrisiken sowie deren Auswirkungen entlang der Lieferketten identifizieren, verhindern, mindern und dokumentieren können. Letztendlich kann Fairtrade Unternehmen nur dabei helfen, diese Risiken zu identifizieren. Die Verantwortung für deren Bewältigung liegt jedoch weiterhin bei den Unternehmen selbst. Kein Siegel kann sie von dieser Verantwortung befreien.
Kann jeder einen Beitrag leisten?
Bettina von Reden: Ja, auf jeden Fall. Eine wirksame Sorgfaltspflicht funktioniert nur, wenn alle Akteure in der Lieferkette Verantwortung übernehmen. Unternehmen spielen durch ihre Führungsstrukturen, Risikoanalysen und langfristigen Beschaffungsentscheidungen eine zentrale Rolle. Aber auch Produzierende, Regierungen, die Zivilgesellschaft und Verbraucher*innen leisten einen Beitrag, indem sie für Transparenz sorgen, in den Dialog treten und fairere Geschäftspraktiken unterstützen.
Und wo sehen Sie diesen Ansatz im Kontext von Gesetzgebungsverfahren?
Bettina von Reden: All diese Vorschriften basieren auf den Grundsätzen der Sorgfaltspflicht: Risiken identifizieren, Schäden verhindern und mindern, Verstöße ahnden, Prozesse dokumentieren und Transparenz gewährleisten. Das bedeutet, dass HREDD keine zusätzliche Ebene darstellt, sondern eine gemeinsame Grundlage, auf der all diese Gesetze beruhen.
Ihrer Meinung nach sollte es also zum Goldstandard werden...
Bettina von Reden: Es handelt sich weniger um einen Standard als vielmehr um einen Ansatz. Unternehmen müssen Verantwortung für die Auswirkungen entlang ihrer gesamten Lieferketten übernehmen und können nicht sagen, dass sie das nichts angeht. Das erfordert klare Richtlinien, definierte Verantwortlichkeiten, kontinuierliche Risikoanalysen, Überwachung und ein Engagement der Führungsebene. Das Ziel ist es, verantwortungsbewusstes unternehmerisches Handeln in die Standardpraxis zu integrieren. Und ja, das sollte zum Standard für alle werden. Wichtig ist, dass von den Unternehmen nicht erwartet wird, dies alleine zu tun – Partnerschaften wie die mit Fairtrade können praktische Unterstützung bieten, um diesen Ansatz in die tägliche Praxis umzusetzen.
Zachary Kiarie: Dies steht im Einklang mit den Kernprinzipien von Fairtrade: Transparenz, gemeinsame Verantwortung und Rechenschaftspflicht vom Produzierenden bis zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern. HREDD stärkt diese Prinzipien.
Was kann Fairtrade tun, um Unternehmen zu unterstützen, die Verantwortung übernehmen wollen?
Bettina von Reden: Wir helfen Unternehmen, ihre Lieferketten besser zu verstehen, gemeinsam mit den Produzierenden Risiken zu identifizieren und Präventions- und Minderungsmaßnahmen zu entwickeln, die vor Ort realistisch sind. Während die Unternehmen weiterhin für ihre eigenen Führungsstrukturen verantwortlich sind, bietet Fairtrade Standards, Überwachung und Unterstützung vor Ort. Diese Kombination hilft Unternehmen, von der Verpflichtung zum Handeln überzugehen.
Zachary Kiarie:
Wir schaffen Dialogplattformen, bewerten gemeinsam Risiken und entwickeln lokal verankerte Lösungen. Gemeinsames Engagement erhöht die langfristige Nachhaltigkeit und die Resilienz von Unternehmen.
Was sagen Sie Unternehmen, die sich nur auf Margen und Gewinne konzentrieren?
Bettina von Reden: Fairtrade ist ein freiwilliges System, daher arbeiten wir in der Regel mit Partnern zusammen, die sich zu verantwortungsbewusster Beschaffung verpflichten, einschließlich der Zahlung des Fairtrade-Mindestpreises und der Fairtrade-Prämie sowie der Einhaltung unserer Standards. Wir verstehen, dass Unternehmen in einem wettbewerbsorientierten Umfeld agieren und Margen eine wichtige Realität sind. Sich jedoch ausschließlich auf Margen zu konzentrieren, ist letztlich kurzsichtig. Verantwortungsbewusstes unternehmerisches Handeln ist kein Zusatz, sondern eine Voraussetzung für langfristige Versorgungssicherheit. Klimafolgen, Menschenrechtsverletzungen und Unterbrechungen der Lieferkette stellen echte operative und finanzielle Risiken dar. Wer heute in verantwortungsbewusste Beschaffung investiert, vermeidet morgen viel höhere Kosten. Für Unternehmen, die nicht bereit sind, freiwillig zu handeln, werden hoffentlich in Zukunft Regulierung und Verbrauchererwartungen eine entscheidende Rolle spielen. Märkte und Gesetzgebung können hier zusätzliche Anreize für nachhaltige Praktiken schaffen.
Verbraucherinnen und Verbraucher finden Nachhaltigkeit oft prinzipiell gut, kaufen in der Praxis aber günstigere Produkte.
Bettina von Reden: Viele von ihnen sind in den letzten Jahrzehnten sensibilisierter geworden, was sich im Wachstum von Fairtrade und anderen Zertifizierungen widerspiegelt. Auch das öffentliche Beschaffungswesen hat sich verbessert. Die Verantwortung für nachhaltigen Handel kann jedoch nicht allein bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern liegen: Leider zeigen unsere eigenen Marktforschungen, dass die Leute Nachhaltigkeit zwar generell unterstützen, sich im Supermarkt aber oft für das günstigere, nicht ethische Produkt entscheiden.
Zachary Kiarie: Die Sensibilisierung durch nationale Fairtrade-Organisationen stärkt das Engagement der Verbraucherinnen und Verbraucher. Wenn Produzierende, Unternehmen und Verbrauchende zusammenarbeiten, wird ein systemischer Wandel möglich.
Ist das also der Weg, um die unsichtbare Mauer zu durchbrechen?
Zachary Kiarie: Der Fortschritt mag eher stufenweise als dramatisch sein. Aber kooperative Ansätze sind oft am effektivsten. Wenn sich alle Akteure auf ein gemeinsames Ziel einigen, wird es zu bedeutenden Veränderungen kommen.
Ist HREDD bürokratisch?
Bettina von Reden: Nein. Die Sorgfaltspflicht ist ein strukturierter Managementprozess, ähnlich wie andere Risikomanagementsysteme, die Unternehmen bereits einsetzen. Sie muss nicht übermäßig bürokratisch sein.
Aber in der Debatte wird oft von Bürokratie gesprochen.
Bettina von Reden: Ich weiß, aber diese Wahrnehmung ist übertrieben. Das deutsche Lieferkettengesetz beispielsweise schafft einen Rahmen für verantwortungsbewusstes Risikomanagement. Es verpflichtet Unternehmen dazu, Prozesse zu implementieren, Verantwortlichkeiten zu definieren, Risiken zu analysieren und Präventions- oder Abhilfemaßnahmen zu ergreifen. Es handelt sich um eine Bemühungspflicht, nicht um eine reine Abhakübung. Bei ordnungsgemäßer Umsetzung schafft es gleiche Wettbewerbsbedingungen, stärkt kohärente Geschäftspraktiken und unterstützt letztlich widerstandsfähige Lieferketten.